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Logbuch der Nordwestpassage von Kapitän Mark Behrend

Nordwestpassage

15.8.2006: Auf dem Weg von Grönland nach Pond Inlet

... war das einfach unglaublich schön hier - Grönland liegt nun hinter uns, ein unbeschreibliches Erlebnis bei traumhaftem Wetter. Wir haben einen Kontinent gestreift, dessen Ausmaße wir nicht begreifen können. Alle Häfen an der Westküste, die wir besucht haben, waren nicht tiefer als ein kleiner Kratzer in der Haut, an der Grenze zwischen Land und Meer gelegen. 45.000 Grönländer, davon leben 15.000 in Nuuk. Die beiden einzigen Verkehrsampeln des dänischen Ablegers (?!) gibt es hier.
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Aber besonders stolz sind die Grönländer auf das welt-
weit größte Verhältnis Kreisverkehre pro Einwohner - und das bei nur insgesamt fünfen an der Zahl. Das aber beschreibt natürlich nicht die Faszination der Arktis. Ich frage auch nicht mehr nach dem Warum ...
Zeitverschwendung. Vor allem lernt man hier oben Menschen kennen. Nicht nur die Einheimischen, die geprägt sind vom Miteinander. Auch lernen wir uns selbst kennen. Dabei stehen wir erst am Anfang: Noch haben zu wenige ihre innere Uhr und ihre Armbanduhr zur Seite gelegt – noch nicht alle haben die richtige Betriebs-
temperatur. Aber es beginnt sich eine gewisse Faszina-tion breit zu machen. War es in den vergangenen Tagen das Land selber, das uns, unter einem bis 3.000 m
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dicken Eismantel verhüllt, in den Bann gezogen hat, so wird es jetzt mehr die geschichtliche Nähe sein. Die Faszination des Scheiterns, die spürbare Nähe zu ver-
gangenen Katastrophen und Tragödien, ohne möglichst selbst betroffen zu sein. Was ist das in uns, das uns dazu treibt, alles zu verstehen und zu begreifen und zu lenken... ja zu beherrschen? Und wenn wir schließlich erfolgreich waren, ist alles weitere Interesse sofort verflogen. Ist es die Faszination an den unendlichen Weiten, den emporragenden Felswänden, an den massiven Eis-
formationen? Oder mündet all dies letztlich in einer gewissen Attraktivität an der eigenen Verwundbarkeit?
So stelle auch ich doch schon wieder Fragen nach dem Warum ... Zeitverschwendung. Was wir erleben, ist einfach wunderschön - und ich freue mich auf morgen: das reicht!

Wir haben Grönland optimal ausgerüstet verlassen. Schön zu sehen, wenn sich vergangene Mühen lohnen und die Vorauskalkulationen letztlich der Realität entsprechen.

Morgen werden wir die Gäste, später auch die Crew in einem Arktismeeting auf das Bevorstehende einstimmen, informieren, interessieren, Bedenken nehmen und Dinge zu bedenken geben ... einfach Zweifel nehmen, ohne Gewissheit zu geben - das geht! Obwohl ich mir heute nach vielen Gesprächen sicher bin, dass viele sogar einmal an Franklins Ledersohlen probieren würden, nur um "da durchzukommen".

Stolz laufen die Gäste in ihren blauen Nordwestpassage-Jacken nicht nur auf den Außendecks, sondern auch in den Aufbauten - gleich wie ein 12-jähriger zur Fussball-WM im Nationaltrikot. Blaue Jacken: An diese Farbe müssen wir uns erst noch gewöhnen.

Für's Erste sind wir jetzt bis Pond Inlet auf westlichem Kurs. Die Satellitenanlage arbeitet gut, sodass uns der Internetzugang jederzeit freien Zugang auf die kanadischen Eiskarten erlaubt. Mit unserem Icemaster, Capt. Norman Thomas an Bord, haben wir einen außerordentlichen Glücksgriff getan.
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Das Eis entwickelt sich in unserem Sinne. Müssen wir uns im ersten Teil eventuell Gedanken machen, den Gästen überhaupt Eis zeigen zu können? Seit heute ist der Peel Sound nahezu eisfrei. Zu viel des Guten? Noch wissen die Gäste nicht, dass wir mit Ihnen durch die James Ross Strait – via Gjöa Haven – Simpson Strait fahren wollen. Dadurch werden wir der mächtigsten Eisbarriere in der Victoria Strait aus dem Wege gehen können: Dies spart Brennstoff – ob Nerven, wird sich noch zeigen. Ohne die Karten, die Capt. Norman Thomas zusätzlich mitgebracht hat, hätte ich mich nicht für diesen Weg entschieden. Heute habe ich von ihm erfahren, dass
die Tonnen zur Begrenzung der beiden Wasserstraßen erst ca. zwei Tage vor unserem Eintreffen ausgelegt wurden. Dass er diese beiden Wasserstraßen aus dem "Effeff" kennt, ist nicht verwunderlich, da er diesen Weg ca. 40 mal mit seinem 6 m tiefgehenden Eisbrecher gefahren ist.

In der westlichen Arktis bewegt sich das Eis mit ca. 8 sm/Tag von der Küste nach Nordwesten, der Anteil des alten Eises nimmt deutlich ab. Gerade die Barriere, die sonst das einjährige Eis gegenüber dem Arctic Pack gebildet hat, ist in diesem Jahr deutlich geringer gewesen. So trieb es dichter als üblich an die amerikanische Küste. In jedem Fall wird die "North-Slope", die Fahrt entlang der Küste Alaskas, der anspruchsvollste Teil der Passage werden.

Vor knapp zwei Wochen hatte mir Capt. Norman Thomas bereits geschrieben: "But finally the current will win!" So wie es aussieht, behält nicht nur er, sondern auch die Monatsprognose für August Recht. Zeitlich hätte die Reise nicht optimaler geplant werden können.

Am 31.8. erreichte Amundsen Nome. Wir werden 3 Tage nach ihm dort sein + 100 Jahre!

Liebe Grüße und tausend Dank für alle Vorbereitungen, die laufenden Unterstützungen und alle gedrückten Daumen.

Beste Grüße
Mark Behrend
Kapitän MS BREMEN
15.8.2006 Auf dem Weg von Grönland nach Pond Inlet  
16.8.2006 Abfahrt von Pond Inlet  
21.8.2006 Die BREMEN erreicht Gjöa Haven via James Ross Strait  
23.8.2006 Die BREMEN hat Gjöa Haven via Simpson Strait verlassen  
28.8.2006 Noch sechs Tage bis Nome  
28.8.2006 Ziel - Point Barrow  
31.8.2006 "Vessel in sight" - Schiff in Sicht  
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